Seit Kurzem ist der Film über Joseph Fischer, den ehemalige Außenminister und Frontmann der Grünen, in den Kinos. Ein „opportunistischer Luftikus“ sei er, heißt es nach dem Film von einem meiner Freunde. Fischer sei ein „geradliniger Mann, der seinen Prinzipien treu geblieben sei“, meint hingegen eine Freundin. Und schon bald fragt man sich: Reden wir über ein und dieselbe Person? Und woher kommt die so unterschiedliche Wahrnehmung? Ist Fischer gar ein Vorbild?
Unweigerlich wohnt dem Film die Frage nach der Geradlinigkeit Fischers und der Grünen inne. Seine Macher wissen: Ohne Glaubwürdigkeit in den friedens- und sozialpolitisch orientierten Milieus lässt sich für die Grünen keine breitere Perspektive gewinnen. Der Film tritt an, genau diese Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Er schickt den Zuschauer auf eine Suche nach Möglichkeiten, diesen Menschen zu verstehen, der belesen mit Frankfurter Schule, Marx und Co. einen für viele kaum nachvollziehbaren Wandel vollzog.
Fischer – Dafür und dagegen
Der Film zeigt wie Fischer, politisiert durch den Vietnamkrieg und in der Auseinandersetzung mit den faschistoiden Teilen der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre, gewirkt hat. Mehrfach skizziert er das Aufbegehren gegen die verknöcherten Zustände. In einem Potpourri aus Wille zur Veränderung und zielloser Rebellion fanden ganz unterschiedliche Menschen ihren Platz. Leider differenziert der Film hier nicht. Das konstruktive Dagegensein mit dem Ziel der positiv gestaltenden Veränderung wird vermengt mit jenen, die auf den Zug dieses Lebensgefühls als Pseudorebellen aufsprangen. Während erstere wirklich Veränderung wollten und ihre Forderungen ernst nahmen, gaben sich letztere der Beliebigkeit hin. Sie pflegten bald ein instrumentelles Verhältnis zu progressiven Kreisen. Der Film bleibt hier in der Kontinuität: Das Vorgehen seiner Macher ist geprägt durch den permanenten Versuch, Fischer auf die linksalternative Bewegung draufzusetzen, ihn als Repräsentanten ihrer Ideen an ihre Mentalität anzudocken. Da ist der Fischer, dieser Mann mit dem Gefühl des Dagegenseins, dieser Delinquent. Er erscheint als einer von ihnen. Fischer aber gehört, das zeigt der Film unfreiwillig deutlich, zu den Machtorientierten. Der Film benutzt alternative Daseinsformen, um sie unter Verwendung ihres rebellischen Habitus für Fischers Imagepolitur zu pervertieren. Handwerklich bewerkstelligt dies der Film, indem er eine Unschärfe erzeugt, in der die Unterscheidung zwischen Überzeugungstätern und Karrieristen untergehen kann. Das gelingt dem Film nur begrenzt. Er hinterlässt zu viele logische Brüche und offene Fragen.
Wer gar auf differenzierte Töne hofft, wartet vergebens. Kritiker Fischers kommen im Film nicht vor. Auch die Agenda-Politik, mit der die Grünen den Ausverkauf ihrer letzten sozialpolitischen Anteile einläuteten und die letztlich 2005 zum Zusammenbruch der Regierung führte, findet im Film keinen Platz.
Krieg und Frieden
Bald kommt der Film auf eine der Gretchenfragen: Die Haltung der Grünen zum Krieg. Die Intervention des deutschen Militärs in Jugoslawien wird mit Verweis auf den drohenden Genozid gerechtfertigt. Allzu bereitwillig rekurriert der Film hier auf die Denkweisen, die der deutschen Öffentlichkeit 1999 eingeschliffen wurden: Entweder ihr seid für Fischer oder ihr seid Freunde von Milosevic („Und Milosevic schlagt ihr für den Friedensnobelpreis vor“). Der Film gibt Fischer hier viel Raum, sich zu rechtfertigen.
Sträflich schweigt er an anderer Stelle: Kein Wort über die grüne Zustimmung zum Krieg in Afghanistan. Nach einer Einblendung der Türme des World Trade Center sieht Fischer in die Kamera und sagt „Und es war wieder Krieg.“ Mehr fällt ihm dazu nicht ein? Wie steht es um die deutsche Verantwortung und die Verantwortung Fischers, Scharpings und Schröders, nach deren Entscheidung deutsche Flieger in vorderster Reihe mitbombten?
Stattdessen brüstet sich Fischer mit seinem Nein zum Krieg im Irak. Kein Wort darüber, dass rot-grün den Krieg im Irak hätte führen müssen, wenn man die Maßstäbe angelegt hätte, die man noch bei Jugoslawien bereitwillig zugrunde gelegt hatte. Kein Wort darüber, dass die rot-grüne Regierung den Irak-Krieg nur abgelehnt hat, weil die deutsche Öffentlichkeit niemals für einen dritten Krieg zu gewinnen gewesen wäre. War es nicht die Gefährdung seiner Machtbasis, die Fischer zu seinem „I'm not convinced“ gegen Donald Rumsfeld bewegt hat? Natürlich nicht. Es war Fischer, der aufrichtige Friedenskämpfer. Wenn es aber tatsächlich die Prinzipien waren: Wo waren sie bei der Tötung von zehntausenden unschuldigen afghanischen Zivilisten auf Befehl der rot-grünen Bundesregierung kurz zuvor im Jahr 2001? Die widersprüchliche Verlogenheit steht dem Film auf die Stirn geschrieben.
Hört man Fischer reden merkt man: Er hat sich von den Irrungen des Krieges noch immer nicht emanzipiert. Er glaubt stetig an die Eignung des Krieges als Mittel der Politik. Hier verdient der Film besonderes Augenmerk. Sein Kniff beginnt schon dort, wo er die Zustimmung der Grünen zum Kosovo-Krieg zu rechtfertigen versucht. Er habe nicht zusehen können, wenn er nicht genau jene Grundhaltung hätte einnehmen wollen, die er einst an seiner Elterngeneration kritisiert hat. Sein Prinzip, das ihn gar entscheidend prägte, lautete also: Nicht wegschauen. Das darf man Fischer glauben. Genau darin besteht aber der entscheidende Unterschied zwischen ihm und den „Fundis“, auf die der Film keinen Angriff auslässt. Auch sie wollten nicht wegschauen, proklamierten aber ein anderes Prinzip: Von Deutschland sollte kein Krieg mehr ausgehen.
Was vereinbar scheint und in Oppositionszeiten leicht unter einen Hut zu bringen ist, kann in kaum erträglichen Widerspruch treten, wenn die Verantwortungsposition nach Entscheidungen verlangt. Die Linken in seiner Partei hatten eine Reflexion über die Eignung des Krieges als Mittel der Politik vollzogen. Sie verneinten sie, hielten Krieg für kontraproduktiv und illegitim. Einflussnahme auf Friedensprozesse musste ihrer Meinung nach mit anderen Mitteln geschehen. Fischer und seine Vertrauten aber, die „nur nicht wegschauen“ wollten, waren in der Regierung plötzlich in der Position, ganz konkret entscheiden zu müssen. Niemand weiß, ob sie sich der Debatte über die Eignung des Krieges, der Debatte nach der Legitimität des Tötens von Zivilisten zur Erreichung anderer Ziele, jemals ernsthaft gestellt haben. Kann es da verwundern, dass ihnen mit den Entscheidungen für die Kriege derart folgenschwere Fehler unterliefen?
An dieser Stelle des Filmes lernt der Zuschauer viel. Der vielbeschworene Gegensatz zwischen Prinzipien und Opportunismus wird von Fischer dahingehend aufgelöst, dass er eigentlich nicht bestünde. Vielmehr sie ihm vielerlei unterstellt worden. Er spricht von den Grünen als einer „mehrheitlich pazifistischen Partei“, sagt aber nichts zu seinen eigenen Werten. Wenn es ihm tatsächlich immer nur um das Prinzip „Nicht Wegschauen“ gegangen ist, wie wollte man ihm dann Verrat vorwerfen? Ist er nicht gar ein gradliniger Mann? Jeder, der Haltungen wie „Nein zum Krieg“ fordernd an Fischer heranträgt, benimmt sich ungehörig. Er überfordert ihn. Fischer stellt klar: Zu seinen Prinzipien hat die Ablehnung von Krieg nie gehört. Einige machten mit der Führung der Kriege Verrat der Grünen an ihren eigenen Prinzipien aus. Fischer aber kann sagen: Er ist sich mit den Kriegen treu geblieben.
Fischer – der Macher
An vielen Stellen des Films wird deutlich: Joseph Fischer ist jemand, der das Leben leicht nimmt, mit dieser Gelassenheit des pragmatisch erscheinenden Spielers. Er habe gar nicht in die Partei gewollt, in den Landtag sei er über Nacht überraschend hineingeraten, der Aufstieg in das Ministerium war unerwartet. Passt jemand, der sich so légère gibt, in die Politik? Kann er Inhalte tatsaechlich umsetzen oder benutzt er sie nur?
Der immer wiederkehrende Vorwurf an Fischer lautet, dass er sich scheinbaren Sachzwängen zu stark hingegeben hat. Neben den Kriegen denkt man hier vor allem an die Agenda-Politik. Weist uns der Film darauf hin, dass die vielbeschworenen Spielräume viel kleiner sind als erhofft? Dass Überzeugung deshalb weniger wichtig, Prinzipien und Inhalte weniger bedeutungsvoll sind? Der Film zeigt, dass die Spielraeume immens sind. Er zeigt uns, in welche Situation man gerät, wenn man unvorbereitet in Machtpositionen einrückt („Ich hatte keine Ahnung von der Bedeutung der Zuständigkeiten“). Jeder Funke Hoffnung auf Veränderung wird zwischen der eigenen Konzeptionslosigkeit und den Anforderungen der eingefahrenen Strukturen zermalmt. Das war das gerade Gegenteil dessen, was diejenigen, die aus Ueberzeugung den Wechsel waehlten, erhofft hatten.
Wenn Fischer also kein Vorbild ist, kann man deshalb nichts von ihm lernen? Auch hier gilt Gegenteiliges. Fischer zeigt einer ganzen Generation, wie wichtig Erdung und das Bewusstsein darüber ist, woher man kommt und wofuer man steht, wenn man in Machtpositionen etwas verändern will. Unfähigkeit und Opportunismus sind der letzte Sargnagel jeder Veränderung. Nach 7 Jahren Regierungszeit war klar geworden: Fischer und mit ihm die übergroße Mehrheit der Grünen war ihr Projekt nicht gelungen. Sie begingen Verrat an vielem, wofür sie einmal gestanden hatten – der Friedenspolitik, der Sozialpolitik. Insofern passt Fischer tatsächlich in die Politik der rot-grünen Regierungszeit. Er war geradewegs prädestiniert für die Beliebigkeit der deutschen Politik der letzten Jahre.
Ein sehenswerter Film?
Vor allem ein hoch manipulativer, cleverer Film. Er erzeugt beim politisch interessierten Zuschauer eine Mischpoke aus dem Gefühl des Veralbertwerdens und dem Respekt vor den Qualitäten seiner Macher. Legt man Fischers bisherige Konsequenzhaftigkeit als Erwartungshaltung für die Zukunft zugrunde, so ahnt man bald, welche Halbwertszeit seinem Abschied aus der deutschen Politik im Jahre 2006 zukommt. Vielleicht bereitet der Film sogar seine Kanzlerkandidatur vor.
Selbstverständlich findet auch die Beleidigung des Parlamentspräsidenten durch Fischer mit dem Satz „Mit Verlaub Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ als Indiz für den mutigen Rebell Platz in diesem Film. Man moege sich davor hueten, ihm den gleichen Satz zu entgegnen. Im Grunde zeigt der Film aber nicht mehr und nicht weniger als einen Mann mit niedrigem Politikanspruch, der sich auf dem Weg des Erfolgs nicht die schweren Steine eines konsequenten Umgangs mit friedens- und sozialpolitischen Versprechen in den Rucksack packen wollte. Am Ende verbleibt leider nicht viel mehr als ein sehenswerter Versuch, Fischer auf der Welle des sympathieweckenden Politopis surfen zu lassen. Zur Bewertung des Filmes wie der Person Fischer bedarf es keiner Beleidigungen. Es genügt wohl ein einfaches: „I'm not convinced“.
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