Über Plagiate, Politik und Wissenschaft

Von Daniel Uhlig

Seit Wochen, nunmehr Monaten, gerät eine Dissertation nach der nächsten ins Visier der Plagiate-Jäger. Von Guttenberg über Koch-Mehrin bis zu Chatzimarkakis – allenthalben steht die Verlogenheit gesellschaftlicher Verantwortungsträger im Rampenlicht, die sich mehr oder weniger dreist mit fremden Gedanken schmücken.

Unzweifelhaft stellt die derzeitige Plagiate-Entpuppung einen wichtigen, wenn auch zum Defensiv-Kampf der Wissenschaft heruntergefahrenen Reinigungsmechanismus der Politik dar. Die Botschaft lautet: Wer Ergebnisse in anderen gesellschaftlichen Diskursen fälscht, wird den Anforderungsprofilen einer politischen Persönlichkeitsstruktur nicht gerecht. Er verspielt seine Glaubwürdigkeit und liefert nicht die Gewähr, eigenständig zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen. In einer Zeit, in der die Abhängigkeit der Politik, insbesondere von der Finanzwirtschaft, mehr und mehr beklagt wird, scheint eben diese Glaubwürdigkeit aber notwendige Bedingung für Politikfähigkeit.

So berechtigt und ersehnenswert die Wirkungen des Plagiate-Streits in der Politik also sind, so bedenkenswert ist das Ausbleiben von Folgen im Diskurs ihrer Herkunft: in der Wissenschaft selbst. Während die Wirkungen in der Politik bisher nicht verfehlt wurden, schwingt sich die Wissenschaft – gewissermaßen zwangsläufig – zu hohem moralischem Ross auf. Man konnte beruhigt zur Kenntnis nehmen, dass Versuche einiger Politiker, zum Gegenangriff auf die Wissenschaft überzugehen, gescheitert sind. Ihre Intention, nur von eigenen Fehlern abzulenken, war zu offensichtlich und nur ein erneuter Ausweis ihrer unverhohlenen Dreistigkeit. Es ist aber eine gewichtige Portion Glück im Spiel, dass sich die Wissenschaft nicht bald von unbefleckter Stelle hat fragen lassen müssen, ob ihr die richterliche Robe, die sie sich fleißig schneidert, nicht tatsächlich einige Nummern zu groß ist. Offenbart sich doch im derzeitigen Plagiate-Gejubel nicht weniger als die Schwachbrüstigkeit der Wissenschaft selbst.

Trotzdem es mich sehr reizt, versteige ich mich hier nicht zur Diskussion der Frage, wie viel Geradlinigkeit und Authentizität eigentlich Wirtschaftswissenschaftlern inne wohnt, die ihre wirtschaftspolitischen Überzeugungen angesichts der jüngsten Krisen so häufig zu wechseln scheinen wie andere die Unterhose. Zur Illustration soll stattdessen ein ganz konkretes Beispiel aus der Rechtswissenschaft dienen: Die Technik der Fallbearbeitung. Sie erscheint mir von Relevanz, weil jeder Student der Rechtswissenschaft mit ihr konfrontiert wird und die Falllösungstechnik mehr ist als ein Instrument zur Erlangung von Ergebnissen. In ihr vergegenständlicht sich eine Mentalität.

Die derzeitige Methodik der juristischen Falllösung stimmt nicht optimistisch. Während berechtigterweise die autoritäre Streitdarstellung in Blöcken kritisiert wird, rückt nicht etwa eine frei erörternde, gleichermaßen an den canones und Autoritäten orientierte Problemlösung an ihre Stelle. Stattdessen wird häufig empfohlen, bekannte Meinungsstreits selbst methodisch aufzuarbeiten und die sie vertretenden Autoritäten in Klammern oder als Halbsatz nachzuschieben. Die Autoritäten und ihre Argumente schon im Hinterkopf wird hier eintrainiert, schon Gedachtes als eigene (freilich methodisch fundierte) Leistung darzustellen, um dem Ganzen am Ende das Gütesiegel der Autorität aufzudrücken. Gemauschel und Verstellen bringen Punkte. Schließlich ist auch der Weg zur Lüge nicht mehr weit. Um die Darstellung als eigene methodische Leistung erscheinen zu lassen, bedarf es nur noch des Weglassens des Klammerzusatzes. Dies wird bereits teilweise offen empfohlen. Von besonderer Bedeutung ist die Frage der Methodik demnach schon deshalb, weil ein jeder Student in der derzeitigen Gemengelage in dem Bewusstsein aufwächst, dass ein Bewegen in der Grauzone der Unehrlichkeit nicht nur geduldet, sondern sogar prämiert wird.

Ehrlicherweise kann es doch nur zwei Formen der Darstellung geben: Sind der Streit und die Position beziehenden Autoritäten bekannt, so ist er auch in dieser Form darzustellen. Gegen ein methodisches Nachempfinden ist hier nichts einzuwenden. Ist der Streit jedoch unbekannt, muss der methodische Problemzugriff über die canones gewagt werden. Hingegen besteht für eine Darstellung eines etablierten Streits als eigene methodische Leistung nicht nur kein Bedürfnis. Sie ist sogar in der Anlage defekt, weil bereits entwickelte fremde Gedanken mit bedenklicher Bereitschaft umsortiert und als methodisches Eigenergebnis ausgegeben werden. Die Unehrlichkeit ist hier nicht nur Ergebnis, sie ist Ausgangspunkt der Arbeitsweise. Die Methodik ist hier nicht etwa lösungsorientiertes Werkzeug, sondern verkommt zum Instrument auf der Jagd nach Punkten.

Ist nicht die Form der Streitdarstellung, die in der juristischen Klausur in Mode gekommen ist, nur ein Paradebeispiel für die teilweise Verlogenheit des derzeitigen juristischen, damit wissenschaftlichen Diskurses? Welche Grundlage hat man, Ehrlichkeit und argumentative Authentizität in der Wissenschaft einzufordern, wenn schon dem Nachwuchs eine dem Grunde nach unehrliche Darstellungsform abverlangt, gar antrainiert wird? Es ist nicht an der jungen Generation von Jurastudenten, daran etwas zu ändern, sondern Aufgabe derer, die die Anforderungsdefinition erstellen.

Wenn der wissenschaftliche Diskurs die Grenze zwischen zulässiger Inspiration und unzulässigem Maß an Unehrlichkeit beständig selbst verwischt, verliert die Wissenschaft die Fähigkeit, klare Grenzen zu definieren. Sie wird darüber als moralischer Richter untauglich. Wäre es nicht klüger gewesen, die aufgedeckten Plagiate als Aufschlag für eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Qualität und Ehrlichkeit der Wissenschaft zu nutzen, statt sie nach der reflexhaften Aufregung über einige Lügner wieder ad acta zu legen? Diese Chance wurde ein weiteres Mal verspielt.

1 Kommentare:

beachboy hat gesagt…

Auf jeden Fall! Wir haben wirklich ein Problem bei der wissenschaftlichen Arbeit, auch bei Seminararbeiten. Danke für den Text!